Besonders Start-ups, aber auch führende Unternehmen, bezeichnen sich heutzutage gern als besonders kreativ. Schaut man allerdings einmal genauer hinter diese Aussage, stellt sich diese oft als reines Lippenbekenntnis heraus. In vielen Unternehmen werden kaum gezielte Maßnahmen ergriffen, um das kreative Potenzial der Mitarbeiter zu fördern oder sogar gänzlich auszuschöpfen. Ein Umstand, der in jedem Fall geändert werden sollte.

Viele Menschen sind der Überzeugung, dass Kreativität eine wichtige Fähigkeit ist. Oftmals wird jedoch geglaubt, dass es sich dabei um ein Talent beziehungsweise um die besondere Gabe einzelner Personen handelt. Das ist jedoch ein großer Irrtum, denn kreatives Denken lässt sich nicht nur verbessern, sondern auch erlernen, zum Beispiel durch verschiedene Kreativitätstrainings.

Kreativität: Elementare Fähigkeit oder Spielerei?

Ein Risiko einzugehen wird häufig durch die Angst gemindert, dabei einen Fehler zu begehen oder einem Irrtum aufzulaufen. Das wiederum wirkt sich auch auf die Kreativität bei der täglichen Arbeit negativ aus. Viele Menschen denken nun, dass es ausreichend ist, die Angst vor Fehlern abzubauen, um Kreativität schließlich wieder zu fördern. Ganz so einfach ist es jedoch leider nicht.

Ein kreativ ausgestatteter Meeting-Raum ist zum Beispiel nicht automatisch ein Zünder für neue Ideen bei Mitarbeitern. Oftmals werden solche Räume zur Durchführung von Brainstormings genutzt, einer Methode, welche bei der Ideenfindung gern genutzt wird. Mitunter kann ein Brainstorming zur Förderung der Kreativität jedoch auch die falsche Wahl sein.

Das Problem dieser Kreativitätstechnik liegt darin, dass die Erwartungshaltung an ein solches Brainstorming meist zu hoch angelegt ist. Das hat zur Folge, dass der Prozess teilweise in verrückte und recht abstruse Ideen mündet. Letztendlich nimmt die Ideenfindung keiner mehr ernst und die ganze Sache wird zu einer reinen Spielerei. Dabei gibt es weitaus geeignetere Techniken zur Förderung der Kreativität, welche allerdings durch die Bekanntheit des Brainstormings oft in den Hintergrund gedrängt werden.

Konzeptextraktion: Eine oftmals unterschätzte Kreativitätstechnik

Wer in der Lage ist kreativ zu denken, besitzt die Fähigkeit, verschiedene Betrachtungsweisen einnehmen zu können. Wie genau das funktionieren kann, soll anhand der folgenden Beispielaufgaben erläutert werden:

Konzeptextraktion: Beispiel 1

Ein Glas, welches mit Wasser gefüllt ist, soll geleert werden. Dabei darf es jedoch weder angefasst, noch zerstört, noch bewegt werden. Welche Möglichkeiten gibt es nun, um diese Aufgabe zu lösen?

  • Das Wasser könnte mit einem Trinkhalm abgesaugt werden.
  • Man könnte einen Blumenstrauß in das Glas stellen, welcher diese Aufgabe übernimmt.
  • Das Wasser könnte mit Hilfe von Pressluft hinaus geblasen werden.
  • Es könnten Kieselsteine in das Glas gefüllt werden, bis das gesamte Wasser verdrängt wurde.
  • Man könnte das Wasser schlichtweg verdunsten lassen, ein Tauchsieder könnte diesen Vorgang beschleunigen.
  • Ein Elefant könnte mit seinem Rüssel das Wasser aufsaugen.

Wer einmal auf der richtigen Fährte ist, dem fallen meist noch zahlreiche weitere Möglichkeiten ein, um diese Aufgabe zu lösen. Wichtig dabei ist die Abstrahierung der verschiedenen Konzepte, welche dahinter stehen. Diese sind das Aufsaugen, das Verdrängen und das Verdunsten. Somit stehen drei Konzepte zur Verfügung, um die Aufgabe entsprechend der Vorgabe zu lösen. Wer das einmal erkannt hat, findet unendlich viele weitere Möglichkeiten.

Konzeptextraktion: Beispiel 2

Eine Fluggesellschaft sucht nach einer Idee, um die Passagierzahlen zu erhöhen. Beim Brainstorming kommt der Vorschlag auf, dass man eine Sommeraktion lancieren könnte, bei welcher Kinder in Begleitung ihrer Eltern kostenlos fliegen. Die Idee wird zunächst einmal angenommen, dann kommt aus der Marketingabteilung jedoch der Einwand, dass solche Aktionen schon ein wenig „abgenutzt“ seien. Gleichzeitig wird jedoch das Konzept erkannt, welches der Idee zugrunde liegt: Man könnte für bestimmte Zielgruppen spezielle Preise festlegen. Auf der Basis dieses Konzepts können nun neue Ideen erarbeitet werden.

Wenn für eine bestimmte Frage nur unbefriedigende Antworten existieren, bietet die Konzeptextraktion eine gute Möglichkeit, um einen Schritt zurückzugehen und zu schauen, welches Funktionsprinzip dahinter steht. Ist dieses erkennbar, lassen sich ganz einfach weitere Lösungen für ein bestimmtes Problem oder eine bestimmte Frage finden. Kreativität kann mit dieser Technik also konkret gefördert werden.

Fazit: Der Blick über den Tellerrand lohnt sich

Das Beispiel der Konzeptextraktion zeigt, dass es häufig helfen kann, wenn man einmal einen Blick über den Tellerrand wirft. Dabei sollte nicht immer nur auf bekannte Techniken gesetzt werden, sondern ruhig auch einmal etwas Neues ausprobiert werden, um den kreativen Horizont zu erweitern. Die Methoden sollten nicht beschränkt werden, denn nur so kann Kreativität bei Mitarbeitern gezielt gefördert  werden.

Über die Autoren

DenkmotorJiri Scherer und Chris Brügger sind Inhaber der Denkmotor GmbH. Sie haben langjährige Erfahrung als Innovationsberater und Kreativitätstrainer und sind Autoren verschiedener Bücher und Artikel rund um die Themen Innovation, Kreativität und Simplicity. In ihren Seminaren und Workshops helfen sie Geschäftsführern und ihren Teams, eingefahrene Strukturen aufzubrechen und den Blick über den Tellerrand zu wagen. Die beiden versichern: „Kreativität kann manchmal ganz einfach sein!“

Bildmaterial: ©Denkmotor GmbH